Was wir von Pferden lernen können

Haben Sie mal überlegt, was Sie als erstes mit Führung assoziieren? Ist es eher Anstrengung, Fremdbestimmung, Hierarchie und Verantwortung? Oder vielleicht Sicherheit, Entspannung, Freiraum und Klarheit? Nach den Erfahrungen unterschiedlichen Führungsverhaltens meiner Lehrer, der Arbeit in einem selbstverwalteten Unternehmen und meiner Selbstständigkeit tendierte ich lange zu ersterem. Heute sehe ich Führung total anders. Das verdanke ich dem Tanzen und – meinen Pferden.

Gute Führung ist ein Genuss

Nach 25 Jahren Tanzkurs in eine Fortgeschrittenengruppe einzusteigen mit einem Tanzpartner, der 25 jünger ist – das ist schon eine Mutprobe. Wenn dann noch das kommt, was man am wenigsten beherrscht – Tango – ist der Abend gelaufen. Auch die Tanzlehrerin musste etwas Mühe aufwenden, mit mir die „Kachel“ und einen „Occo“ - häh? - zustande zu bringen und gab mich meinem Partner zurück mit den unvergesslichen Worten: “Ihre Partnerin bedarf der etwas strafferen Führung.“

Zwei Jahre Tanzen schulten mich im Mich-Führen-Lassen – und es zu genießen.

Gute Führung bedeutet Sicherheit und Entspannung

Zwei Tage lang ein Pferd durch kleine Impulse zu lehren, sich auf mich zu konzentrieren - klingt erst einmal unspektakulär, ja geradezu langweilig. Mit meinem als unreitbar geltenden Islandpferd Aaron absolvierte ich diese Übung bei Weltmeister Helmut Bramesfeld. Die einzige Belohnung: Entspannung und Sicherheit für meinen Trainingspartner. Entspannung meint wirklich Entspannung. Null Energie, null Grübelei, was als nächstes kommt. Ganz entspannt im Hier und jetzt, zugleich voller Aufmerksamkeit dafür, die Aufmerksamkeit meines Gegenübers bei mir zu behalten. Das reicht für ein Wochenende.

Leittier sein ohne zu leiden

Eine Herde mit einem guten Leittier erhält die Sicherheit, die es braucht, um entspannt fressen, dösen oder spielen zu können. Die Qualifikationen eines Leittiers sind daher Erfahrung im Einschätzen von Gefahren, Entscheidungskompetenz und natürlich auch Durchsetzungsfähigkeit. Mein Isländer Tandri bringt dazu noch Toleranz und soziale Kompetenz mit ein. Wenn er nicht in der Herde ist, brechen vorhandene Konflikte aus, es gibt unfaire Rangeleien zwischen kleinen und großen Pferden, ängstliche Pferde zeigen mehr Unruhe. Kommt er zurück, ist alles wieder im Lot. Ist er gestresst? Nein, eher nicht. Ich glaube, er geht die ganze Sache sogar mit Humor an, nimmt manche Eigenheiten nicht ernst, ist relativ langmütig und überhaupt kein Schläger. Aber wenn jemand wie Aaron neu in der Herde ist und mit Null Ahnung die Führung übernehmen will, spricht er nach einer Weile der Beobachtung ein Machtwort. Ein wunderbarer Chef und für mich eine großartige Unterstützung in der Herdenhaltung.

Von Pferden führen lernen

Pferde klagen es regelrecht ein, eine klare Führung. Wenn nicht, schnappen sie, rücken einem auf die Pelle, werden nervig. Kinder reagieren übrigens oft genauso. Über das Beobachten und die Arbeit mit Pferden lernte ich, meine eigene Rolle neu zu definieren. Die Pferde fragten mich so lange nach meinen Führungskompetenzen, bis ich sie selber entdeckte oder entwickelte. Nettsein allein reicht nicht. Sie fragten danach, was wir machen wollen. Wie wir es machen wollen. Ob ich das überhaupt kann. Wenn nicht, wie ich es lernen wollte oder ob mir ein anderer gemeinsamer Weg einfiel. Und wenn ich schlecht drauf bin, nicht ausreichend Energie ausstrahle, unklar bin – fragen sie mich alles erneut.

Was ich gelernt habe? Klar zu sein in meinen Entscheidungen und damit in meinem Auftreten. Mich besser einschätzen zu lernen, was meine Fähigkeiten angeht. Zu vertrauen. Über mich selbst zu lachen. Und gute Führung als etwas ungemein Positives zu betrachten, dass ich gerade dann besonders nett bin, wenn ich klar bin, Sicherheit gebe und Entscheidungen treffe. Das entspannt ungemein und ist es erst Gewohnheit geworden, ist es auch nicht mehr anstrengend. Geüwhnheiten aber entstehen durch Üben.

Übrigens: Kürzlich traf ich meinen Tanzpartner wieder und wir tanzten ein paar Stücke gemeinsam. „So hättest du dich vor vier Jahren nicht führen lassen, spätestens rückwärts beim Foxtrott hättest du blockiert,“ so sein Riesenkompliment. Ich strahlte – und versuchte prompt, den nächsten Schritt vorzugeben. „Nix da,“ wir mussten beide lachen.